2014/04/19

Buchbesprechung: Agile Data Science - Building Data Analytics Applications with Hadoop

Russel Jurney versucht Methoden der agilen Entwicklung auf Datenwissenschaften umzulegen. Sein Buch Agile Data Science ist klar für Praktiker mit Vorkenntnissen in Informatik und Statistik ausgelegt. Es beschreibt agile Entwicklungsprinzipien und Toolsets anhand eines Beispiels, das sich durch den gesamten Text zieht.

Agilität in der Datenwissenschaft

Datenanalyse und -visualisierung ist bislang ein eher statisches Feld - Spezialisten arbeiten abgeschlossen mit komplexen Tools an noch komplexeren Modellen. Ein bisschen Agilität könnte diesem Bereich gut tun und den eigenen Workflow ergänzen - war mein Gedanke, um dieses Buch anzuschaffen. Mit den Prinzipien der Agilen Entwicklung hatte ich mich zuvor nur oberflächlich beschäftigt, aber Slogans wie Iterationen, Leichtgewichtigkeit, Interaktivität oder Skalierbarkeit würden doch auch gut zu Datenforschung passen.

Jurney (eventuell bekannt von dem Blog datasysndrome) beginnt sein Buch auch mit einer kurzen Einführung in agile Prinzipien und wie diese in einem Datenanalyseteam umgesetzt werden können. Besonders geht er auf Rahmenbedingungen für produktives Arbeiten ein und beschreibt prozessuale Veränderungen, welche durch die Verbreitung von Big Data nötig werden. Danach werden Tools vorgestellt, um agiles Entwickeln in einem Datenanalyseteam zu ermöglichen. Sein Toolset umfasst u.a. Avro, Pig, MongoDB zur Datenverarbeitung und -analyse bzw. Flask, Bootstrap oder d3 zur Datenvisualisierung.

Wie ein roter Faden zieht sich das Beispiel der Analyse und Visualisierung der Daten des eigenen Email-Kontos durch das Buch. Um diesen Anwendungsfall auch nachzubilden, sind drei Voraussetzungen nötig:
  • Verstehen von Python-Code
  • rudimentäre Kenntnisse von JavaScript, und
  • ein GMail-Konto.

Damit (und möglicherweise einer virtuellen Maschine, die -mit den Anleitungen in den Dokumenten zum Buch- einfach zu installieren ist) wird das Beispiel relativ einfach nachvollziehbar. Aus didaktischer Sicht ist das Beispiel gut geeignet, da wie im Buch vorexerziert wird, alle Schritte der Datenanalyse und -visualisierung daran angewendet werden können. Negativ zu erwähnen dabei ist jedoch, dass es sich in die lange Liste der Beispiele in Tutorials oder Bücher zu Themen der Datenforschung einreiht, die wenig bis gar keine Relevanz für den nützlichen Gebrauch in der Realität aufweisen. Außerdem ist es mehr als fragwürdig, dass vor allem die letzten Kapitel des Buches großteils aus Code-Snippets bestehen und die Beschreibung des Vorgehens den Dokumentationen der Tools im Netz überlassen wird.

Zusammenfassung

Für Einsteiger in die Welt der Datenanalyse ist Russel Jurney´s Buch Agile Data Science ungeeignet. Für erfahrene Datenwissenschafter kann es (aber muss es nicht) neue Einsichten bereitstellen, die den Umgang mit Daten erleichtern oder verbessern. Im Großen und Ganzen hinterlässt das Buch bei mir ein großes Fragezeichen hinsichtlich der Nützlichkeit des Buches. Einerseits hätte ich mir mehr Erklärung (bzgl. Prozessgestaltung, oder auch Anwendung der Tools) gewünscht. Andererseits liefert es aber sehr gute Ansatzpunkte, um den eigenen Workflow agiler zu gestalten.

2014/04/08

MOOC: The Data Scientist's Toolbox

Diese Woche habe ich wiedermal einen MOOC zum Thema Data Science begonnen. Dies ist der Einstiegskurs zu den, in einem früheren Post erwähnten, Data Science Specialization Kursen von Coursera.

Leider war aus der Kursbeschreibung nicht ersichtlich, dass es sich dabei um eine reine Einführung in (und Werbung für) diese neue Specialization-Schiene handelt und nicht etwa um eine umfassende Beschreibung von relevanten Werkzeugen, wie der Titel vermuten lassen könnte.
Thematisch handeln die Lektionen von der Installation nötiger Software (va. R für die Analyse und Git zur Versionskontrolle) und ein wenig einführender Worte zur Arbeit mit Daten. Der Arbeitsaufwand ist entsprechend gering - aktuell, habe ich alle Erfordernisse, abgesehen von der Benotung der Peers, mit einem Zeitaufwand von ca. 4h hinter mich gebracht. Etwas dürftig für einen 4 wöchigen Kurs ;)
Der Kurs ist für Datenwissenschaften-Interessierte als Zeitverschwendung anzusehen. Immerhin sollte davon ausgegangen werden können, dass jemand, der/die sich datenanalytisch betätigen möchte, gut dokumentierte Programme installieren kann.

2014/03/07

Erste Experimente mit ViziCities

Ein interessantes neues Projekt, mit großem Potential für die Datenvisualisierung ist ViziCities. Es setzt auf aktuellen Webtechnologien auf und hat den Anspruch, Arten und Möglichkeiten von Visualisierungen von Big Data auf städtischem Darstellungsniveau zu erweitern.

3D Datenvisualisierung auf Stadtniveau

Eine erste Vorveröffentlichung kann auf Github gefunden werden und umfasst, trotz des frühen Entwicklungsstadiums, schon einige nützliche Features. Grundsätzlich erzeugt ViziCities eine 3-dimensionale Stadtlandschaft im Web-Browser, auf der Daten visualisiert werden können. Das Stadtmodell setzt auf vereinfachte Daten von OSM auf, wobei die Gebäudehöhen derzeit noch halb-zufällig geschätzt werden. Ziel ist es, die steigende Anzahl an offenen Daten zu nutzen und diese im 3D-Raum darzustellen. Auch mit Echtzeit-Daten soll experimentiert werden.
In einem Video stellen Peter Smart und Rob Hawkes ihr Projekt vor und geben einen interessanten Einblick über mögliche Verwendungszwecke. 

Erster eigener Versuch

Die Installation verlief problemlos - auch Dank der guten Anleitung in der README Datei. Um einen ersten Eindruck zu bekommen, habe ich die Beispielanwendung so abgeändert (im Grunde waren nur die Koordinatenwerte zu ändern), dass eine 3D-Ansicht meiner Heimatstadt im Browser angezeigt wird.

Screenshot: ViziCities - Steyr
Die Qualität des Modells hat mich grundsätzlich positiv überrascht, auch wenn einige Details fehlerhaft sind. So wird beispielsweise ein Kanal auf dem Screenshot nicht gerendert, was auf diesem Level of Detail verkraftbar ist. In einem anderen Bereich des Modells werden jedoch die OSM-Ways soweit vereinfacht, dass anstatt des Hauptflusses durch die Stadt, ein weiterer Stadtplatz dargestellt wird. Die oft in OSM fehlenden Höheninformationen wirken sich auf die Wirkung des Modells auch negativ aus, was vor allem bei Städten mit hoher Höhenvarianz ein Problem darstellt. Nichtsdestotrotz stellt die erste Vorveröffentlichung schon eine gute Basis dar, um Daten auf städtischem Darstellungsniveau im 3D-Raum zu visualisieren. Weitere Experimente mit ViziCities (dann auch mit Analysedaten) werden meinerseits definitiv folgen - und auf diesem Blog dokumentiert.

2014/03/01

Sozialwissenschaften und Data Science

Michael Malak stellt auf dem Blog der Data Science Association eine Weiterentwicklung des bekannten -und oft zur Beschreibung der Datenwissenschaften verwendeten- Bubble-Models von Conway vor. Als vierte Blase werden die Sozialwissenschaften ins Modell aufgenommen:
von: http://www.datascienceassn.org/content/fourth-bubble-data-science-venn-diagram-social-sciences,
dl 29.02.2014

2014/02/28

Neue QGIS-Version auf Fedora

Wer nicht warten will, bis es die neue QGIS Version 2.2.0 (Valmiera) ins offizielle Repo von Fedora geschafft hat, kann es jetzt über ein Alternativ-Repositorium (Dank an Matthias Kuhn) installieren:

Installation

Wie auch auf der Installationsseite des QGIS-Projekts erläutert, zaubern diese Befehle die neue Version ins System:

$ sudo wget fedora.vitu.ch/QGIS/qgis.repo -P /etc/yum.repos.d/
$ sudo rpm --import http://fedora.vitu.ch/Fedora/RPM-GPG-Key-vitu
$ sudo yum update
$ sudo yum install qgis qgis-python qgis-grass qgis-mapserver


Falls wget nicht installiert ist, zuvor noch ein schnelles:
$ sudo yum install wget


Ein erster Test verlief ohne Probleme:
QGIS Info

Für Neueinsteiger in QGIS ist übrigens dieses Buch von Anita Graser sehr zu empfehlen: Learning QGIS 2.0

2014/02/25

R-Package für interaktive Karten - rMaps

Kürzlich wurde ein neues Package präsentiert, um mit R interaktive Karten zu erstellen. Hier meine Erfahrung aus einigen Tests damit:

rMaps

Das Package wurde von Ramnath Vaidyanathan erstellt. Es ermöglicht die Erstellung von interaktiven Karten mit nur wenig Code und unterstützt einige javascript basierte Mapping Libraries, wie z.B. Leaflet. Das Package ist derzeit noch in einem Versuchsstadium, weist jedoch schon einige nützliche Funktionen auf. Es kann über den Github-Account des Entwicklers (Link) herunter geladen (bzw. geklont) werden und enthält eine ausführliche Installationsanweisung und Beispielcode. Weitere Anwendungsbeispiele finden sich auf der Website des Projekts. Hier zwei Beispiele mit sozialen Daten:

Beispiel: Kriminalitätskarte Houston

Heatmap: Kriminalitätsvorkommen in Houston - Übersicht
Das Beispiel wird auf dem Blog des Packages vorgestellt und visualisiert das Kriminalitätsvorkommen in Houston von Jänner bis August 2010 mit einer Heatmap. Der dazu benötigte Code wird im Post auch ausführlich erklärt.

Je nach Fragestellung kann der Analyserahmen vom Stadt- (Bild Screenshot Übersicht) bis hin auf Straßenzugsniveau (Bild Screenshot Detail) skaliert werden.
Heatmap: Kriminalitätsvorkommen in Houston - Detail

Beispiel: Einwohneranzahl je Gemeinde in Bezirken Steyr und Steyr-Land in 2013

Ein eigenes Beispiel verwendet Marker, welche die Gemeinden aus den politischen Bezirken Steyr bzw. Steyr-Land auf einer Hintergrundkarte (Datenbasis OSM, Rendering mit Leaflet) kennzeichnen. Die Zoomstufe ist auch hier wieder frei wählbar. Mit dem Mauszeiger kann eine Gemeinde ausgewählt werden und es erscheint in einem Pop-Up der Gemeindename und die jeweilige Einwohnerzahl aus dem Jahr 2013. 
Screenshot Beispielanwendung
Der Code des Skripts kann aus dem R-Beispiel Repositorium dieses Blogs auf Github herunter geladen werden: rBeispiele

2014/02/17

Buchbesprechung: Doing Data Science

Mit hohen Erwartungen begann ich vor einigen Wochen das Buch Doing Data Science - Straight Talk from the Frontline von Rachel Schutt und Cathy O´Neil zu lesen und diese wurden dabei auch noch übertroffen.

Konzept

Das Konzept des Buches kam mir anfangs etwas grenzwertig vor, denn der Inhalt entstand aus einer Vorlesung, die Rachel Schutt an der Columbia Universität über Data Science hielt und an dem Cathy O´Neil -bekannt durch ihren Blog mathbabe- teilnahm und mitprotokollierte. Ob ein Uni-Kurs einen umfassenden Einblick in die Welt der praktischen Datenwissenschaften (wie das Doing im Titel und generell der Untertitel suggeriert) vermitteln kann? Ich war skeptisch.

Von der Front

Und wurde eines besseren belehrt. Denn die zahlreichen Anekdoten aus dem beruflichen Erfahrungsschatz von Rachel Schutt sind schon mal ein gutes Fundament für ein praxisbezogenes Buch. Jedoch wurde das durch die Beiträge über Gastreferenten aus der Datenindustrie und deren beruflichen Background noch übertroffen. So wurde das weiter und interdisziplinäre Feld der Datenwissenschaften anhand übergreifenden Themen wie Visualisierung, Algorithmen oder das MapReduce-Paradigma anhand der Tätigkeitsbereiche der Gäste (u.a. Prof. Mark Hansen oder William Cukierski von Kaggle, sowie einige ehemalige Kollegen von Google von Racehel Schutt) erläutert, was dem Buch zwar zu einer unüblichen, aber zu einer -hinsichtlich des Durcharbeitens des Inhalts- sehr angenehmen Gliederung verhalf.

Selbst an der Front

Die am Ende der Kapitel befindlichen praktischen Übungen sind thematisch ebenfalls an die jeweiligen Gastreferenten ausgerichtet. Die zu lösenden Fragen sind realitätsnah und mit unterschiedlichen Tools zu lösen. Die Beispiele zu Beginn sind zwar sehr auf R fixiert, im weiteren Verlauf sind jedoch auch Übungen mit Python oder sogar ein Übungsbeispiel zu finden, das mit einem bash-Skript zu lösen war. Pro Übungen wird zwar Beispiel-Code zu Verfügung gestellt, die endgültige Lösung bleibt aber gänzlich dem/r Leser/in überlassen. Der mMn einzige negative Punkt an dem Buch sind dann eben die fehlenden Lösungen zur Kontrolle, was den Eindruck vermittelt, allein an der Front zurück gelassen worden zu sein - was vermutlich auch so intentioniert ist.

Inhalt - umfassend und kritisch

Der Inhalt des Buches erstreckt sich über alle Facetten der Datenwissenschaften. Methoden und Probleme hinsichtlich der Datenbeschaffung werden ebenso thematisiert wie die Datenqualität, Prozessierungsmethoden oder exploarative Datenanalyse. Die eigentlichen Auswertungsmethoden werden verständlich und prägnant erklärt. Besonders wird auf die Funktionalität unterschiedlicher Algorithmen aus dem Bereich des maschinellen Lernen eingegangen. Nötige Grundkonzepte wie beispielsweise die Statistik nach Bayes werden ebenso kurz erklärt, wie auch unterschiedliche Software die zur Analyse eingesetzt werden können. Auch die Präsentation und Visualisierung der Ergebnisse wird ausreichend genau thematisiert und die Auswirkungen kritisch hinterfragt. Mein persönliches Highlight ist jedoch nicht der umfassende und prägnant dargestellte Inhalt, sondern die -im positiven, wie auch negativen Sinn- kritische Grundhaltung der beiden Autorinnen gegenüber ihrer Disziplin. So werden ethische Fragen, insbesondere im Umgang mit sozialen Daten, nicht in Nebensätzen abgehandelt, sondern sind immer wiederkehrende Aspekte in den einzelnen Kapitel. Generell ist eine besondere, ethische Grundhaltung der beiden Autorinnen hinsichtlich des notwendigen Feingefühls im Umgang mit Daten und den Auswirkungen der Analysen zu erkennen. Dem folgend fällt auch der Rat der beiden für angehende Datenwissenschafter aus:
"We´d like to encourage the next-gen data scientists to become problem solver and question askers, to think deeply about appropriate design and process, and to use data responsibly and make the world better, not worse." (Schutt/O´Neil (2013): S. 350)

Zusammenfassung

Das Buch  Doing Data Science - Straight Talk from the Frontline von Rachel Schutt und Cathy O´Neil sollte jede/r gelesen haben der/die mit Daten arbeitet und dies erlernen möchte. Ein wenig technisches Grundwissen vorausgesetzt, zeichnet der Inhalt die aktuelle Welt der Datenwissenschaft nach und erweitert die individuellen Fähigkeiten im Umgang mit Daten. Gerade in Zeiten eines Big Data-Hypes sind die Geschichten von der Datenfront der beiden Autorinnen ein wieder erdendes Mittel. Die dargebotene kritische Hinterfragung aktueller Daten-Technologien und immer wieder kehrende ethische Fragen sind darüber hinaus ein besonderes Merkmal das zum Lesen dieses Buches motivieren sollte.